Vom vernebelten Blick zur Selbstaufmerksamkeit: Die Bedingungen von Mißbrauch und Abhängigkeit erkennen
Wann spricht man von Mißbrauch???

Die Grenzen in unserer Kultur von dem anerkannten Gebrauch von Alkohol als Genußmittel und dem Mißbrauch von Alkohol sind eigentlich klar- aber in der Bevölkerung relativ unbekannt. Außerdem sind die Grenzen eher an den Gesundheitsrisiken als am tatsächlichen Umgang mit Alkohol orientiert. Mißbrauch liegt dann vor wenn:
  • zu unpassender Gelegenheit (Autofahren, Arbeit, Sport, Schwangerschaft)
  • oder bis zum Rausch
  • oder zur Besserung einer gestörten seelischen Befindlichkeit (Seelentröster)
  • oder langfristig übermäßig (Männer <40g/täglich, Frauen <20g/täglich)
getrunken wird.

"Das soll Mißbrauch sein?" fragt mancher, der dies liest, "dann betreibt doch die Mehrheit der Bevölkerung zumindest zeitweise immer wieder Mißbrauch!?" Die einzig richtig Antwort darauf ist: Ja!

Falls Ihnen nicht klar sein sollte, wie verschwommen die Grenzen zwischen Gebrauch und Mißbrauch sind, stellen Sie sich folgende Fragen und suchen Ihre Antworten darauf:
  • Wieviele Autobesitzer sind 10 Jahre nach Erwerb des Führerscheins noch nie alkoholisiert (über 0,3 promille) gefahren?
  • Wie oft pro Woche darf Mann/Frau einen Schwips haben, ohne als Säufer oder gar Alkoholiker ins Gerede zu kommen?
  • Wie viele von den "normalen" Alkoholkonsumenten meiden in Zeiten seelischer Krisen, Niederlagen und Verstimmungen Alkohol wie die Pest?
  • Wie viele Männer und Frauen kennen die kritische Alkoholverträglichkeitsgrenze und wieviele überschreiten sie regelmäßig?
Ihre Antworten dürften eindeutig sein: Mißbrauch ist häufig eher die Regel als die Ausnahme.

Man unterscheidet zwei Typen von Trinkern, die Mißbrauch betreiben:

Gewohnheitstrinker: Trinkt regelmäßig um sich in Ordnung zu fühlen. Bei seiner weiteren Entwicklung steht beim ihm die körperliche Gewöhnung und Abhängigkeit im Vordergrund. Er wird am ehesten auffällig durch Angetrunkensein bei unpassenden Gelegenheiten oder durch körperliche Folgeerkrankungen.

Problemtrinker: Betrinkt sich bewußt oder kann nach dem Anfangen nur schwer wieder aufhören. Er behandelt Mißhagen, seelische Nöte oder Minderwertigkeitsgefühle durch das Trinken. Der Problemtrinker zeichnet sich später zuerst durch die psychische Abhängigkeit aus, die aber schon bald durch die körperliche Abhängigkeit überlagert werden kann.

Ist Abhängigkeit erblich???

Alkoholismus ist sicher nicht so eindeutig vererbbar wie zum Beispiel die blaue Augenfarbe oder wie bestimmte Erbkrankheiten. Es ist allerdings seit langem bekannt, das sich in bestimmten Familien der Alkoholismus häuft.

Nach einer amerikanischen Untersuchung haben Kinder von Alkoholikern ein vierfach höheres Risiko, selbst alkoholabhängig zu werden. Es scheint so das manche Leute anders auf Alkohol reagieren als die übrigen und das sich die Empfindlichkeit vererben kann, wie Untersuchungen aus der Forschung mit Zwillingen und zwischen verschiedenen menschlichen Rassen zeigen.

Das heißt jedoch nicht, das Abhängige befürchten müssen, das ihre Kinder zwangsläufig auch süchtig werden. In diesem direkten Sinne ist Abhängigkeit nicht erblich. Gemeint ist hier nicht nur die mögliche biologische Vererbung, sondern auch die soziale Vererbung.

Damit sind Lernvorgänge gemeint, von denen man bewußt vielleicht nichts mitbekommt. Die Kindern in Alkoholikerfamilien sind Bedingungen ausgesetzt, die sie selbst oft als ganz normal empfinden, und sie scheinen für Außenstehende oft erstaunlich unbeschadet heranzuwachsen. Aber manchmal täuscht der Schein. Als Erwachsene zeichnen sich Kinder von Alkoholikern im Unterschied zu anderen oft in der stärkeren Ausprägung folgender Merkmale aus:
  • Sie wissen nicht was normales Verhalten ist, und sie orientieren sich deshalb oft an anderen
  • Sie haben Schwierigkeiten einen Plan von Anfang bis Ende zu verfolgen
  • Sie lügen, auch wenn es genauso leicht wäre, die Wahrheit zu sagen
  • Sie urteilen über sich selbst ohne Gnade
  • Sie haben Schwierigkeiten, Spaß zu haben
  • Sie nehmen sich selbst sehr ernst
  • Sie haben Schwierigkeiten mit intimen Beziehungen (Verlassensängste)
  • Sie zeigen Überreaktionen bei Veränderungen in der Umgebung, über die sie keine Kontrolle haben
  • Sie suchen ständig Anerkennung und Bestätigung
  • Sie nehmen gewöhnlich an das sie anders sind als andere Menschen
  • Sie sind entweder sehr verantwortungsbewußt oder sehr verantwortungslos
  • Sie sind außerordentlich treu, anhänglich oder loyal, sogar wenn es offensichtlich ist, das die Loyalität nicht verdient ist
  • Sie sind impulsiv. Sie neigen dazu sich in Aktionen zu verrennen ohne vorher ernsthaft Alternativen oder Konsequenzen bedacht zu haben
Es gibt gegen diese Charakterisierung, die amerikanischen Ursprungs ist, erhebliche Einwände, weil andere Studien kein erhöhtes Risiko für psychische Störungen bestätigen konnten.

In jedem Fall aber sollten 2 Regeln beherzigt werden: Damit Kinder aus den widersprüchlichen Botschaften, die in Alkoholikerfamilien fast immer vorherrschen, zu einer eigenen Klarheit finden, darf erstens das Thema der Sucht eines Elternteils nicht totgeschwiegen werden und zweitens sollten die Eltern rechtzeitig (therapeutische) Hilfe in Anspruch nehmen, falls sie die oben beschriebenen Symptome wahrnehmen.

Körperliche Ursachen für Abhängigkeit

Es gibt keine körperliche Ursache, die zwangsläufig zum Alkoholismus führt.

Seelische Ursachen für Abhängigkeit

Es gibt keine einheitlichen Merkmale bei Personen, die später abhängig werden. Wohl aber findet man bei Abhängigen häufiger bestimmte Eigenschaften:
Tendenz zur Problemvermeidung, Selbstunsicherheit, Hemmungen, Abhängigkeit von anderen, geringe Fähigkeit sich selbst zu beherrschen, geringe Frustrationstoleranz, ....

Allerdings ist es oft so, das diese Eigenschaften eher die Folge, als die Ursache des übermäßigen Alkoholkonsums sind. Denn eines steht fest: Jeder Mensch kann abhängig werden, egal ob Direktor, Bettler, Professor, Beamter, Angestellter, Hausfrau, Bauer oder Arzt. Und das selbe, was für die berufliche oder gesellschaftliche Stellung gilt, gilt auch für die Charaktereigenschaften.

In vielen Fällen scheint es so zu sein, daß es nicht so sehr einzelne Persönlichkeitseigenschaften sind, die für Suchtmittel leichter verwundbar machen, sondern es ist die gesamte Lebenseinstellung des einzelnen.

Rolle der Arbeit für Abhängigkeit

Menschen aus allen Schichten und Berufen sind alkoholabhängig. Allerdings sind die unteren sozialen Schichten bei Alkoholproblemen überrepräsentiert.

Wichtiger als der jeweilige Beruf ist aber, daß man überhaupt eine abgeschlossene Berufsausbildung hat und über einen entsprechend sicheren und guten Arbeitsplatz verfügt. Arbeitslosigkeit ist daher ein großer Risikofaktor.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung fand heraus, daß Belastung am Arbeitsplatz häufig durch Alkohol bewältigt wird. Sie schließt dies daraus, daß nur 4% der weniger belasteten aber 23% der stark belasteten Arbeitnehmer bei ihrer Arbeit den Alkohol stets in greifbarer Nähe haben. Bei Frauen ist der Griff zu Medikamenten noch häufiger: 63% der Frauen mit hoher Arbeitsbelastung greifen zu Schmerzmitteln. Außerdem sind sowohl alleinstehende Frauen als auch alleinstehende Männer häufiger Alkoholiker als verheiratete.


Körperliche Hinweise auf Alkoholprobleme

Veränderungen körperlicher Art sind oft ein besserer Hinweis auf Alkoholprobleme als Verhaltensänderungen und psychosoziale Probleme. Zu den körperlichen Merkmalen zählen wir insbesonder:
  • Appetitstörungen, trotzdem anfangs Gewichtszunahme (Alkoholkalorien), später jedoch deutlicher Gewichtsverlust bis hin zur Abmagerung, Verdauungsbeschwerden aller Art
  • Übelkeit und Brechreiz, besonders morgens
  • Unspezifisches Durstgefühl
  • Unausgeruht, müde, zerschlagen- meist nach unruhigen Schlaf
  • Ausgeprägte Schweißneigung (auch tagsüber)
  • Stechen und Klopfen in der Herzgegend, Schwindel, Kreislaufstörungen
  • Atemnot, chronische Bronchitis
  • Unklare Entzündungsneigungen
  • Leichtes Drücken unter dem rechtem Rippenbogen (Lebervergrößerung)
  • Störungen von sexuellem Verlangen und Potenz
  • Stechen, reißende Schmerzen an den Beinen
  • Mitunter Stimmänderung (rauher, tiefer)
  • Schwammiges und aufgedunsenes Gesicht
  • Augenbindehautentzündungen
  • Zahnschäden
  • Kopfbehaarung männlicher Trinker eher dicht- bei Frauen zunehmend struppig und brüchig
  • Brustentwicklung beim Mann
  • Zunge oft bräunlich weiß belegt
  • Zittern, erst fein- später gröber. Anfänglich bei geschlossenen Lidern, herausgestreckter Zunge, gespreizten Fingern, später auch der Arme, Hände und Beine