Die einzelnen Entwicklungsgeschichten
Abhängiger sind genauso verschieden oder ähnlich wie es die
Lebensgeschichten der Menschen insgesamt sind.
Der amerikanische Forscher "Jellinek"
hat jedoch eine zusammenfassende Beschreibung der Entwicklung der Abhängigkeit
gegeben, die auf einen großteil der Alkoholabhängigen zutrifft,
die sogenannten "Gamma-Alkoholiker".
Der Gamma-Alkoholiker ist gekennzeichnet durch das Überwiegen der
psychischen Abhängigkeit und den Kontrollverlust, der "Delta-Alkoholiker"
durch das Überwiegen der körperlichen Abhängigkeit und
die Unfähigkeit zur Abstinenz. (Spiegeltrinker)
Hier finden sie diese Phasen überarbeitet.
Die Vorphase
- Gelegentliche Erleichterung
Das Suchtmittel wird nur gelegentlich zum Ziel der Erleichterung eingesetzt.
- Erhöhung der Toleranz
Der Körper stellt sich auf das Suchtmittel ein und die Mengen
werden größer um das gewünschte Ziel zu erreichen.
- Dauerndes Suchen nach Erleichterung
Nun wird fast täglich die Erleichterung durch ein Suchmittel
gesucht. Dieser Konsum ist noch nicht auffällig.
Die Anfangsphase
- Heimlicher Konsum
Der Konsum wird verheimlicht, Alkoholika versteckt, es wird schon
mal "vorab" getrunken damit es später in Gesellschaft
nicht so auffällt.
- Häufiges Denken an Alkohol
Es wird öfter an den Alkohol gedacht, man fragt sich, ob noch
genügend Vorrat im Haus ist.
- Stärker werdendes Verlangen
Nach ein paar Tagen der Abstinenz werden die ersten Gläser besonders
gierig heruntergekippt
- Schuldgefühle
Das Bewußtsein entwickelt sich langsam, das das Trinken das
Maß des Üblichen übersteigt. Dadurch entwickeln sich
Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen und Ausreden werden
erfunden- wodurch erneut Schuldgefühle entstehen können.
- Vermeiden von Anspielungen
Die Schuldgefühle werden Anlaß, Anspielungen auf das Trinken
zu vermeiden oder ungehalten darauf zu reagieren, wenn es mit Sucht
in Verbindung gebracht wird.
- Zunehmende Häufigkeit von Gedächnislücken
Ungehaltenes Verhalten, zunehmende Gleichgültigkeit und Gedächnislücken
sind Warnsignale, daß das Stadium der Abhängigkeit bevorsteht.
Die kritische Phase
- Kontrollverlust
Sobald auch nur eine kleine Menge des Suchtmittels in den Organismus
gelangt und dies bemerkt wird, wird ein geradezu körperlich spührbarer
Bedarf nach "mehr" verspührt- ein Verlangen was vorwiegend
psychische Gründe hat. Der Kontrollverlust wirkt also erst nach
dem Beginn des Trinkens- vorher hat der Trinker immer noch weitgehend
Kontrolle darüber, ob er bei einer bestimmten Gelegenheit überhaupt
trinken will.
- Erklärungsversuche für das Verhalten
Der Trinker beginnt nun sein Verhalten zu erklären (Alkoholiker
Alibis) Diese Ausreden geben dem Trinker die nötige Gewissensentlastung,
um weiterzumachen.
- Soziale Belastungen
Es entsteht ein komplettes Erklärungssystem, was der Süchtige
allmählich auf alle Bereiche seines Lebens ausdehnt. Denn das
Problem läßt sich nun nicht mehr verbergen: Ehepartner,
Verwandte, Freunde, Arbeitskollegen beginnen zu ermahnen und zu warnen.
Der Süchtige geht ihnen mehr und mehr aus dem Weg.
- Übertriebene Selbstsicherheit nach außen
Trotz aller Erklärungsversuche verliert der Süchtige deutlich
an Selbstachtung. Das versucht er dadurch zu kompensieren, indem er
übergroße Selbstsicherheit an den Tag legt.
- Auffällig aggressives Benehmen
- Dauerndes Schuldgefühl
- Perioden völliger Abstinenz
Sozialer Druck, Ermahnungen des Arztes und eigene Einsicht veranlassen
den Süchtigen wiederholt- aber auf Dauer vergeblich- eine Zeitlang
ohne das Suchtmittel zu leben.
- Änderung des Konsumverhaltens
Das Scheitern dieser Abstinenten Phasen veranlaßt den Suchtkranken,
andere Methoden auszuprobieren das Trinken unter Kontrolle zu halten.
Er stellt Regeln auf, z.b.: Ich trinke nur abends, nur an bestimmten
Orten, nur diese oder jene Alkoholart, nicht mehr als eine bestimmte
Menge ... u.s.w. Das alles sind Selbstkontrolltechniken, die in diesem
Stadium der Abhängigkeit meist nicht mehr zum Erfolg führen.
- Fallenlassen von Freunden
- Feindseligkeiten
- Verlassen der Arbeit
Zuspätkommen oder krank feiern mehren sich. Freunde lassen ihn
fallen. Der Arbeitsplatz geht verloren. Oft aber ergreift der Süchtige
hierbei selber die Initiative in Voraussicht des unweigerlich Kommenden.
- Konzentrieren des Verhaltens auf das Suchtmittel
Das ganze Denken und Handeln kreist nun um den Stoff. Der Trinker
beginnt zum Beispiel zu überlegen, wie die Arbeit das Trinken
stören könnte- und nicht wie das Trinken die Arbeit stören
könnte.
- Verlust an äußeren Interessen
- Neuauslegung zwischenmenschlicher Beziehungen
Der Interessensverlust erstreckt sich auch auf die Menschen. Auf die
Meinung anderer wird kein Wert mehr gelegt, da die anderen sich ja
auch nicht mehr um "einen kümmern" oder "nichts
verstehen"
- Gedankliche und tatsächliche Ortsflucht
Der Suchtkranke "kann nicht aus seiner Haut" und sucht daher
ständig neue- auch soziale- Umgebungen oder er verliert sich
in Tagträumereien.
- Änderung im Familienleben
Ehepartner oder andere Angehörige ziehen sich nun ebenfalls aus
ihrer gewohnten Umgebung zurück oder versuchen sich vom Trinker
zu lösen.
- Grundloser Unwille
Streit wird provoziert um sich selbstgerecht zurückziehen zu
können oder wieder einen Grund zu haben um trinken zu "müssen"
- Sichern des Alkoholvorrats
Der Süchtige sichert sich seinen Vorrat, aus Angst plötzlich
ohne einen Tropfen dazustehen. Flaschen werden versteckt.
- Vernachlässigung der Ernährung
- Erste organische Beschwerden
Es zeigen sich körperliche Folgen des Alkoholkonsums, die gelegentlich
auch zu stationären Aufnahmen führen.
- Abnahme des Sexualtriebs
Alkoholische Impotenz beim Mann mindern das sexuelle Interesse und
führt zu Feindseligkeiten oder verstärkter Eifersucht gegenüber
dem Partner.
- Regelmäßiges morgendliches Trinken
Mit dem Trinken wird nun schon morgens begonnen, um den Körper
in einen normalzustand zu versetzen- anders meint der Süchtige
den Tag nicht überstehen zu können.
Die Chronische Phase
- Verlängerte tagelange Räusche
Das völlige Konzentrieren auf den Alkohol und das durch das morgendliche
Trinken geförderte Verlangen lassen den Widerstand des Süchtigen
jetzt zusammenbrechen. Er findet sich am Tag oder mitten in der Woche
total betrunken vor- und bleibt in diesem Rauschzustand einige Tage
bis er völlig unfähig ist, noch irgendetwas zu unternehmen.
Das wiederholt sich nun häufiger.
- Ethischer Abbau
Frühere moralische oder ethische Maßstäbe werden aufgegeben,
Werte und Prinzipien geraten ins Wanken.
- Beeinträchtigung des Denkens
Die vergiftende Wirkung des Suchtmittels äußert sich in
der Beeinträchtigung des Denkvermögens, die nur durch lange
Abstinenz rückgängig gemacht werden kann.
- Oganisches Psychosyndrom/ Alkoholpsychosen
Jetzt können allmählich stärere suchtmittelbedingte
Geistesstörungen auftreten, bei etwa 10% der Alkoholiker treten
Alkoholpsychosen auf. Sie kündigen sich durch Störungen
des Gedächnisses und der Merkfähigkeit an, durch starke
Gefühlsschwankungen, eine allgemeine Verlangsamung der Bewegung
und des Denkvermögens sowie Auffassungs- und Aufmerksamkeitsstörungen.
Die gesamte Leistung ist vermindert.
- Trinken mit Personen "unter Niveau"
Wertmaßstäbe haben ihre Gültigkeit verloren, Selbstkritik
fällt weitgehend weg.
- Verlust der Toleranz
Viele Abhängige können jetzt weniger vertragen- schon nach
geringen Mengen kommt es zu einer starken Wirkung.
- Undefinierbare Ängste
- Zittern und psychomotorische Störungen
Morgendliches Zittern und die Abnahme der feinen Bewegungen werden
nun auffällig.
- Zwanghafter Konsum
Der Süchtige bekämpft nun die Symptome des Trinkens- die
eigentliche Entzugssymptome- mit erneutem Trinken. Durch diesen Teufelkreis
wird Trinken zum Zwang, zur Besessenheit.
- Unbestimmte religiöse Wünsche
Die Versuche der verstandesmäßigen Begründung des
eigenen Tuns werden allmählich schwächer, als Flucht aus
der Realität entwickeln sich jetzt gelegentlich religiöse
Wahnvorstellungen.
- Versagen des Erklärungssystems
Zwanghafter Konsum und tagelange Exzesse machen es unmöglich,
noch länger ein Scheingebäude von vernünftigen Erklärungen
aufrecht zu erhalten. Der Suchtkranke kann nicht mehr leugnen, das
er am Ende ist.
- Zusammenbrüche
Die Folge ist meist der totale Zusammenbruch. Selbstmordversuche in
diesem Stadium schwerster Depression sind häufig.
- Alkoholdelir/Krampfanfälle
Das Delirium tremens tritt ziemlich unvermittelt auf, allerdings nur
bei rund 15% der chronischen Alkoholiker. Oft treten entzugsbedingte
Krampfanfälle auf.
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