Welche sozialen und familiären Folgen bringt die Abhängigkeit?
Hier wäre vor allem zu nennen:

Gestörte Beziehungen zu den Mitmenschen, Abnahme des Verantwortungsgefühls, Vernachlässigung der Kindererziehung, Ehescheidung, Fernbleiben von der Arbeit, gehäufte Betriebs- und Verkehrsunfälle, Führerscheinentzug und evtl. Straffälligkeit, Abstieg im Beruf und Verlust der Anerkennung durch andere sowie Wohnungsverlust.

Jede Dritte bis vierte Ehescheidung und ebenso jede sechste Kündigung wird heute bereits wegen fortgesetztem Alkoholmißbrauch ausgesprochen. Von allen aufgeklärten Straftaten geschahen 13% unter Alkoholeinfluß. Bei den Totschlagsdelikten sind es sogar 60%, bei Körperverletzung mit Todesfolge 50% und bei gefährlicher Körperverletzung 37% der Taten.Wegen Trunkenheit im Verkehr werden jährlich 120.000 Führerscheine entzogen.1993 mußten sich 150.000 dem "Idiotentest" genannten Prüfverfahren zur Wiedererlangung der Fahrerlaubnis unterziehen. Nur 29% durften nach einer Nachschulung wieder ans Steuer.

Besonders die Partner und Kinder von Abhängigen leiden sehr, auch wenn man es ihnen nicht gleich anmerkt: 77% aller jugendlichen Straftäter eines Westberliner Stadtteils kamen aus Familien, in denen ein Elternteil oder beide Alkoholiker waren. Bei den meißten Kindern sind die seelischen Folgen allerdings weniger auffällig. Die Kinder wirken sogar eher besonders vernünftig, gereift, fast wie kleine Erwachsene.

Ihnen fehlt die Bemutterung, die Fürsorge, denn sie müssen sie ja oft geben. Schlimm ist es, wenn sie sich für die Eltern schämen, Notlügen erfinden oder sich mit anderen Kindern streiten, weil die über den alkoholabhängigen Elternteil spotten. Insgesamt leiden die meisten Kinder still und ohne zu klagen. Viele fühlen sich insgeheim schuldig am Leiden der Eltern. Sie glauben, das es dem abhängigen Elternteil besser ginge, wenn sie irgendwie anders oder gar nicht auf der Welt wären. Sie gehen fast auf Zehenspitzen um ja nicht Anlaß für einen erneuten Alkoholkonsum zu werden.

Als Jugendliche verachten sie vielleicht auch den Abhängigen. Das Versagen des Vaters oder der Mutter als Vorbild und als Hort der Geborgenheit läßt bei Heranwachsenden das frühe Mitgefühl in kalte Wut oder in herablassendes Mitleid umschlagen.

Ein häufiges Vorurteil in der Bevölkerung lautet, Alkoholiker seien arbeitsscheu. Dies stimmt jedoch nur in Ausnahmefällen, wenn der Abstieg vollständig ist. Im Allgemeinen arbeiten Abhängige eher zuviel, so daß sie oft ihr Suchtmittel zur Entspannung benötigen.

Neben den schon genannten sozialen/familiären Folgen kommen schlußendlich noch drei gravierende hinzu:Zwangseinweisung in geschlossene Anstalten, Verurteilung wegen Straftaten und die Errichtung einer gesetzlichen Betreuung, die dann verantwortlich ist für z.b. die Finanzen, den Aufenthaltsort o.ä.


Warum enttäuschen Abhängige so oft ihre Angehörigen?

Diese meist von Angehörigen gestellte Frage bezieht sich vor allem auf die Enttäuschung, daß die versprochene Mäßigung im Umgang mit Alkohol nicht eingehalten wird.Die Enttäuschung geschieht aber anfangs nicht bewußt, denn der Betreffende täuscht sich selbst genauso. Warum?

Weil er glaubt, sein Trinken im Griff zu haben und willentlich beeinflussen zu können, wieviel er zu sich nimmt. Trinkpausen und kurzfristige Erfolge scheinen dies auch zu beweisen. Wenn er also verspricht, sich in Zukunft zu mäßigen, wähnt er selbst, daß er es schafft. Langfristig stellt sich dies als Irrtum heraus.

Jedoch: Der Appell an die Willenskraft an den Alkoholiker in Bezug auf die Trinkmenge ist genauso sinnvoll wie der Appell an einen stark kurzsichtigen sich gefälligst mehr beim Sehen anzustrengen. Willenskraft ist in beiden Fällen kein Mittel mehr das hilft.Gerade dies will der Abhängige jedoch nicht wahrhaben und er verstrickt sich immer mehr in Selbsttäuschungen, so daß er bald nicht mehr zwischen Wahn und Wirklichkeit unterscheiden kann.

Die Angehörigen versuchen es mit Güte und Härte, mit Drohungen und Versprechungen. Der Betroffene reagiert mit Versprechungen, Abwendung, Gegendrohung, innerem Rückzug, präventiven Wutausbrüchen ...

Er oder sie fühlt sich in klaren Momenten sehr einsam und minderwertig und manchmal sterbenselend. Enttäuschung und Wut stellen sich als Dauergast in der Familie ein.Erst wenn auch die Angehörigen begreifen, daß der Betreffende krank ist und sich zwar im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte wähnt, aber in Wirklichkeit längst nicht mehr Herr über sein Handeln ist, dann können sie verstehen, warum er sie so oft täuschen und enttäuschen "muß".

Sie müssen begreifen, das auch sie gegenüber der Krankheit genauso machtlos sind wie der Betroffene selbst, um mit der Ent- Täuschung besser fertig werden zu können. Die Angehörigen sollten deshalb lieber Hilfe für sich als für den "Patienten" suchen.


Lebenserwartung des Alkoholikers

Durch die Organschäden und Beeinträchtigung der körperlichen Leistungsfähigkeit führt der Alkohol zu einer erhöhten Anfälligkeit für viele Krankheiten, aber auch zu Selbstmorden und Unfällen.25% aller Alkoholiker sehen den einzigen Ausweg aus ihrer Sucht in einem Selbstmordversuch und 15% sterben sogar daran.

Nach verschiedenen Untersuchungen ist die Lebenserwartung des nicht genesenden Alkoholikers im Vergleich zum Nichtalkoholiker um ungefähr 23,4 Jahre verringert.